Das Geschäftsmodell stirbt am 30. Juni. Aber vorher stirbt die CRM-Logik.
Am 30. Juni 2026 endet das Payment-for-Order-Flow-Verbot (PFOF) in der EU nicht in einer Ankündigung — es endet in einem harten Stichtag. Das klingt wie eine regulatorische Fussnote. Es ist nicht. Es ist der Punkt, an dem Neobroker ihre primäre Revenue-Quelle verlieren. Nicht alle, aber die meisten. Und mit dieser Quelle verliert sich ein ganzes System von CRM-Entscheidungen, die jetzt noch sinnvoll sind, ab Juli aber wirkungslos.
Das ist kein Finance-Problem, das CRM-Teams durch neue Metriken-Dashboards beheben können. Das ist ein Konstruktionsproblem.
Wer mit Neobroker arbeitet, sieht das manchmal zufällig: Eine Activation-Kampagne spricht User an, die nach drei Trades inaktiv werden. Ein Reactivation-Flow erreicht Leads, die ein paar Monate stumm sind. Alles funktioniert bis zum 30. Juni. Und dann nicht mehr, weil der Grund dafür, dass diese User überhaupt aktiviert werden sollten, weil Inaktivität ein Problem darstellt — das ganze wirtschaftliche Fundament — sich verändert.
Was am 30. Juni passiert
Das PFOF-Modell funktioniert einfach: Neobroker erhalten von Börsen oder Market Makern eine Provision für jeden Auftrag, den sie weitergeben. Je mehr Orders, desto höher die Einnahmen. Für Neobroker wie Trade Republic oder Degiro kann das einen substanziellen Teil der Einnahmen ausmachen.
Am 30. Juni endet das in der EU komplett. Market Maker und Börsen dürfen nicht mehr zahlen. Neobroker müssen sich andere Einnahmequellen suchen.
Das sind meistens:
- Subscription-Modelle: Premium-Features oder Basis-Gebühren
- Zinsmargen: Negativzinsen auf Cashbestände oder Lending
- Eigene Handelsplätze: Marktplätze, auf denen sie selbst verdienen
- Geldverwaltung: Wealth Management und Asset Management Services
Diese Modelle haben eines gemeinsam: Sie belohnen nicht Häufigkeit, sondern Volumen, Vermögen und Bindung. Jemand, der täglich tradet und dabei 100 Euro pro Monat kostet, ist kein Gewinn. Jemand mit 50.000 Euro verwaltetes Vermögen ist es.
Warum das ein CRM-Problem ist
Der typische Neobroker-CRM-Stack wurde für das erste Modell gebaut:
- Activation Flow: Neue User, erstes Trade — fertig aktiviert.
- Churn-Definition: Kein Trade seit vier Wochen? Reaktivieren.
- Lifetime Value: Berechnet aus durchschnittliche Order-Anzahl mal Provision.
- Kampagnen-Logik: Neue User rekrutieren, sie zum Handeln bringen, PFOF einsammeln.
Das war nicht falsch. Es war für PFOF optimiert.
Unter einem Subscription- oder Wealth-Modell fällt das System zusammen. Ein Power-Trader mit tausend Orders und Provisionen auf Null ist nicht wertvoll. Ein stiller Vermögenshalter mit 500.000 Euro auf der Plattform und 0.5% Margin dagegen schon.
Die Churn-Signale verändern sich. Die Definition von “aktiv” verändern sich. Die Wege zur Reactivation verändern sich. Alles, was ein CRM tut, muss neu kalibriert werden.
Drei konkrete CRM-Shifts
1. Activation ist nicht mehr “erstes Trade”
Im PFOF-Modell war das erste Trade ein messbarer Sieg. Es bedeutete, dass eine Provision eingelöst worden war.
Im neuen Modell ist “erstes Trade” eigentlich egal. Relevant ist: Erste Einzahlung eines substanziellen Betrags. Aktivierung von Premium-Features. Verknüpfung eines Geldverwaltungs-Services.
Ein typisches Muster: User registriert sich, führt Identitätsprüfung durch, lädt 50 Euro auf, macht einen Test-Trade, geht weg. Im alten Modell: Umsatz generiert. Im neuen Modell: Noch nicht aktiviert. Was zählt ist, ob dieser User sein Vermögen wirklich auf der Plattform parkt — ob er seinen Broker mit seinem Kapital nutzt oder nur experimentiert.
Activation-Flows, die auf das erste Trade warten, verpassen diesen Moment. Sie müssen anders gestaltet werden: nicht auf Transaktionen, sondern auf Vermögensaufbau und Feature-Nutzung. Das ändert die technische Infrastruktur. Es ändert die Segmentierung. Es ändert die Messaging.
2. Churn ist nicht mehr “keine Trades”
Wer mit Wealth-Modellen arbeitet, sieht schnell: Ein User, der seit drei Monaten nicht tradet, ist nicht zwangsläufig inaktiv. Er hat sein Vermögen auf der Plattform liegen. Es gibt keinen Grund für ihn zu handeln. Das ist genau das Ziel.
Churn ist dann anders: Vermögensabzug. Kündigung von Premium-Services. Inaktivität der Wealth-Integration. Das braucht andere Signale, andere Trigger, andere Benachrichtigungen.
Ein typisches Szenario: Neobroker, die noch nicht umgestellt haben, bombardieren ihre stille Kundschaft mit “Warum handeln Sie nicht?”-Kampagnen. Das funktioniert nicht. Es erzeugt eher Frustration, weil Stillstand implizit unerwünscht wirkt — obwohl Stillstand jetzt natürlich ist.
3. Reaktivierung funktioniert über andere Hebel
Im PFOF-Modell: “Komm zurück und trade!” Mit Incentives, Low-Cost-Trades, Cashback.
Im Wealth-Modell: “Nutze dein Vermögen smarter.” Das bedeutet: Neue Sparpläne. Automatisches Rebalancing. Verwaltete Portfolios. Tax-Loss-Harvesting. Alles, was Vermögen optimiert, nicht Transaktionslautstärke.
Das braucht andere Templates in Braze. Andere Segmentierungslogik. Andere Timing-Strategien. Jemanden monatlich auf neue Asset-Klassen hinzuweisen funktioniert anders als ihm täglich Push-Notifikationen für Trades zu schicken.
Was wir in Wealth-Instanzen sehen
Es gibt bereits Neobroker, die modelliert haben oder gerade modellieren, was nach dem 30. Juni kommt. In deren Braze-Instanzen sehen wir Muster:
Vermögens-Tracking statt Trade-Tracking: Die Customer Data Platform folgt nicht “wie viele Orders”, sondern “AUM pro User”, “Premium-Feature-Nutzung”, “Sparplan-Status”.
Feature-Einführung statt Trade-Incentivierung: Kampagnen triggern auf “User hat kein Sparplan aktiviert” oder “User nutzt Rebalancing nicht”. Die Messaging ist komplett anders.
Engagement-Metrik-Shifts: Ein “engaged” User ist nicht die Person, die täglich tradet. Es ist die Person, die (a) Vermögen hält, (b) Premium-Services nutzt, (c) komplementäre Finanz-Services nutzt.
Churn-Definitionen auf Vermögensabzug: Wenn das Wealth-Portfolio-Wert unter einen Schwellwert fällt oder Premium-Subs gekündigt werden, triggern Retentions-Kampagnen — nicht auf inaktive User generisch, sondern auf spezifische Risk-Signale.
Das ist nicht “komplizierter” als vorher. Es ist anders.
Was die nächsten 90 Tage bedeuten
Für CRM-Teams in Neobroker-Unternehmen heisst das konkret:
Audit der bestehenden Segmentierungen — Welche bauen auf Order-Häufigkeit auf? Diese sind ab Juli obsolet.
Umschulung der Churn-Modelle — Was definiert Churn wirklich ab Juli? Nicht “Trade vs. kein Trade”, sondern Vermögensabzug und Feature-Nutzung.
Umschreiben von Activation-Flows — Das erste Trade war das Tor zu Provisionen. Das braucht es nicht mehr zu sein. Was ist das neue Tor?
Neudesign von Kampagnen-Templates — Messaging muss weg vom Transaktions-Incentive, hin zum Vermögens-Incentive.
Infrastruktur-Check — Kann die CDP tatsächlich Vermögensmetriken tracken? Oder nur Orders? Wenn nur Orders — das muss sich ändern.
Das sind keine marginalen Anpassungen. Das ist eine Rekonstruktion davon, wie eine CRM-Instanz die Kundenreise denkt. Unternehmen, die das jetzt noch nicht machen, werden ab Juli mit Kampagnen-Logik arbeiten, die für ein totes Geschäftsmodell optimiert ist.
Die gute Nachricht: Es ist noch Zeit. Neun Wochen. Lang genug, um zu diagnostizieren, was aktuell nicht funktioniert. Lang genug, um Braze-Segmentierungen zu schreiben, neue Flows zu designen, neue Churn-Modelle zu bauen.
Aber nicht lange genug, um zu warten.

