Vier Milliarden Dollar in einem Quartal. Zwölf Megadeals, durchschnittlich $36,7 Millionen pro Runde. Der Digital-Health-Sektor hat im ersten Quartal 2026 so viel Kapital angezogen wie seit der Pandemie-Spitze nicht mehr. Die Frage, die sich kaum jemand stellt: Wohin fließt das Geld im operativen Alltag der finanzierten Unternehmen?
Produktbudget wächst, CRM-Infrastruktur steht still
Die Antwort ist vorhersehbar. Neue Features, größere Sales-Teams, schnelleres Hiring. Das Produkt wird besser, der Vertrieb aggressiver, das Team wächst. Und die CRM-Instanz? Läuft weiter auf dem Stand der Seed-Runde.
Wir sehen dieses Muster regelmäßig. Ein Health-Scaleup schließt eine Series-A ab, verdreifacht sein Vertriebsteam innerhalb von sechs Monaten und investiert massiv in Produktentwicklung. Die Braze- oder Klaviyo-Instanz, die bei 5.000 Nutzern aufgesetzt wurde, soll jetzt 40.000 Nutzer bedienen. Gleiche Segmente, gleiche Welcome-Serie, gleiche Trigger-Logik. Die drei Architektur-Muster, die wir in Klaviyo-Instanzen immer wieder sehen, treten bei schnell wachsenden Health-Scaleups besonders deutlich zutage.
Das funktioniert eine Weile. Mails gehen raus, Open Rates sehen passabel aus, niemand beschwert sich laut genug. Aber unter der Oberfläche passiert etwas: Die Kommunikation wird irrelevant. Nutzer, die gerade erst angefangen haben, bekommen die gleichen Nachrichten wie Nutzer, die seit einem Jahr aktiv sind. Die Segmentierung unterscheidet vielleicht zwischen „aktiv” und „inaktiv”, aber nicht zwischen einem Patienten, der seine erste Therapie-Session gebucht hat, und einem, der seit sechs Monaten regelmäßig nutzt.
Wenn die Nutzerbasis schneller wächst als die Lifecycle-Logik
Rock Health zählt für Q1 2026 eine Milliarde Dollar mehr als im Vorjahresquartal. 59 Prozent des Kapitals konzentrieren sich auf nur zwölf Unternehmen. Das bedeutet: Eine überschaubare Zahl von Health-Scaleups bekommt sehr viel Geld auf einmal, und mit dem Geld kommt der Druck, schnell zu wachsen.
Schnelles Wachstum im Health-Bereich heißt: Mehr Nutzer onboarden, bestehende Nutzer halten, Churn reduzieren. Das sind CRM-Aufgaben. Aber die Budgetverteilung spiegelt das selten wider.
Ein typisches Bild aus einer Instanz, die wir uns angesehen haben: 23 aktive Flows, davon 18 seit über neun Monaten unverändert. Die Welcome-Serie verweist auf ein Feature, das vor einem halben Jahr umbenannt wurde. Das Onboarding-Segment schließt Nutzer ein, die längst in einer anderen Lifecycle-Phase sind, weil niemand Exit-Kriterien definiert hat. Die Zustellbarkeit sinkt schleichend, weil das Volumen gestiegen ist, aber die Sender-Reputation nicht systematisch gepflegt wird.
Nichts davon ist ein bewusster Fehler. Es ist Betriebsblindheit, verstärkt durch Wachstumsdruck.
Und diese Betriebsblindheit hat Folgeeffekte. Wenn die Segmentierung nicht mitwächst, werden auch nachgelagerte Flows ungenauer. Sunset-Flows, die inaktive Nutzer bereinigen sollten, greifen nicht mehr, weil die Definition von „inaktiv” bei 5.000 Nutzern eine andere ist als bei 50.000. Re-Engagement-Kampagnen treffen Nutzer, die nie wirklich weg waren, sondern einfach nicht ins alte Raster passten. Und der Onboarding-Bruch zwischen Produkt und CRM, der bei kleinen Nutzerzahlen kaum auffällt, wird bei schnellem Wachstum zum messbaren Retention-Problem.
Health-CRM ist nicht D2C-Playbook
Was die Sache komplizierter macht: CRM für Health-Scaleups folgt anderen Regeln als CRM für einen D2C-Modeshop.
Die Nutzergruppen sind heterogen. In vielen Health-Produkten kommuniziert ihr gleichzeitig mit Patienten, Ärzten, Versicherern oder Angehörigen. Eine Segmentierung, die nur zwischen Käufern und Nicht-Käufern unterscheidet, greift hier nicht.
Die Lifecycles sind lang und emotional. Ein Nutzer, der eine Gesundheits-App zur Diabetes-Management nutzt, hat eine andere Beziehung zum Produkt als jemand, der Sneaker kauft. Die Kommunikation muss das abbilden. Ein Re-Engagement-Flow, der wie eine Rabattaktion formuliert ist, wirkt im Health-Kontext deplatziert.
Dazu kommen regulatorische Anforderungen. DSGVO ist das Minimum. Je nach Produkt greifen zusätzlich MDR-Anforderungen, Auflagen für Gesundheitsdaten oder länderspezifische Consent-Regeln. Wir haben Instanzen gesehen, in denen das Consent-Management im CRM nicht mit dem des Produkts synchronisiert war. Nutzer hatten im Produkt zugestimmt, aber im CRM fehlte der Consent-Eintrag, weil die Datenübergabe nicht sauber implementiert war. Das Ergebnis: Valide Nutzer, die keine Lifecycle-Kommunikation bekommen.
AI-Budgets steigen, CRM-Strategie bleibt analog
Noch ein Datenpunkt aus dem Rock-Health-Report: 54 Prozent der Funding-Deals in Q1 2026 haben einen AI-Bezug. Vor zwei Jahren waren es 37 Prozent. AI ist in Digital Health kein Trend mehr, sondern Infrastruktur.
Aber AI in Health heißt fast immer: Diagnostik, Drug Discovery, klinische Entscheidungsunterstützung. Selten heißt es: Lifecycle-Architektur. CRM wird bei AI-First-Health-Startups oft als Commodity behandelt. Man hat Klaviyo oder Braze, man hat ein paar Flows, man hat jemanden, der gelegentlich draufschaut. Strategische CRM-Arbeit steht nicht auf der Prioritätenliste, weil das AI-Produkt selbst alle Aufmerksamkeit bindet.
Das ist verständlich. Und gleichzeitig riskant. Denn die Nutzer, die über das AI-Produkt gewonnen werden, brauchen trotzdem Onboarding, Engagement-Signale, Reaktivierung. Kein AI-Feature ersetzt eine saubere Post-Signup-Sequenz.
Was ihr daraus mitnehmt
Wenn euer Health-Scaleup gerade eine Finanzierungsrunde hinter sich hat, stellt euch eine Frage: Wann hat zuletzt jemand eure CRM-Instanz mit der gleichen Gründlichkeit angeschaut, mit der euer Produktteam den nächsten Sprint plant?
Die Antwort ist meistens unbequem. Und genau das macht sie wertvoll. Ein Audit eurer Lifecycle-Architektur kostet einen Bruchteil dessen, was eine falsch priorisierte Feature-Iteration kostet. Das Geld ist da. Die Frage ist, ob es an den richtigen Stellen landet.
Wenn ihr sehen wollt, wo eure Instanz unter dem Wachstumsdruck Risse zeigt: Dafür ist unser Instanz-Check gemacht.

